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Teilseminar Deutsch

"Der Deutschreferendar oder die etwas andere Lehrzeit"

Studiert haben sie alle Germanistik und Englisch oder Geographie usf., und nun wollen sie alle Deutschlehrer werden! Zuinnerst überzeugt, dass dies alles in etwa schon das Gleiche sein müsste, kommen sie "enthusiasmiert" von der Aussicht, endlich das tun zu dürfen, was klein Hänschen sich schon immer erträumte, in ihrer Seminarschule an: vor der Klasse zu stehen und alle Schüler lauschen gebannt dem Worte des Zauberers, und was kindliche Phantasie mit am meisten entzückt: endlich auch selber kompetent Fehler anstreichen zu können, Aufsätze korrigieren und auch noch mit persönlicher Widmung, sprich: einer Schlussbemerkung, versehen zu dürfen, mit der man sich schulterklopfend selber bestätigt, wie schnell eigene Tätigkeit ankam und wie sehr sich doch engagierter Unterricht lohnt.

Mit Verve und kaum zu bremsender Begeisterung fiebern sie ihrem ersten Auftritt vor der Klasse entgegen, können es kaum erwarten, sich selbst zu testen, in der Überzeugung, dass dies ihre Berufung schlechthin sei. Die Erfolgsbestätigung fehlt nur noch. Meist legt sich nach den ersten Lehrversuchen etwas die anfängliche Euphorie, bei selbstkritischen Geistern stellt sich u. U sogar eine erste Lebenskrise ein, schließlich konnten sie mit so viel Unverständnis oder Unkonzentriertheit und sowenig Dankbarkeit der Schüler nicht rechnen, hatten sie doch Stunden zugebracht, diesen ihren Einstieg in ihren Lebensberuf aufs Gründlichste vorzubereiten und soweit man schon diesbezüglich sich eingerichtet hatte - medientechnisch auch umzusetzen. Erst jetzt entdecken viele erstmals, nicht zuletzt aufgrund dezenter Hinweise des Seminarlehrers, dass zwischen dem Lehrer und dem zu vermittelnden Stoff eine kleine, aber nicht zu unterschätzende Hürde eingebaut ist, die man so nicht wahrnahm, obwohl sie eigentlich nicht zu übersehen ist: 30 und mehr Schüler, die in ihrer Lebensphase und in ihrem Daseinsdrang leider keinerlei Notiz von dem existenziellen Lebensentwurf ihres Junglehrers genommen zu haben scheinen, sondern sich nur daran ergötzen, wie sich da jemand abstrampelt, unterhaltsam erfolgreich sein zu wollen. Und wenn es ihnen auch nur etwas Spaß macht, tun sie ihm schon den Gefallen, zumindest solange es ihnen eben Spaß macht, sich am Unterricht zu beteiligen, wenn auch gelegentlich etwas gönnerhaft oder aus purer Neugierde. Und da man ja Deutsch kann, braucht man auch keine Angst zu haben sich zu blamieren, schließlich weiß man aus "Erfahrung", dass in dieser Phase des Unterrichts der Referendar schon aus Selbsterhaltungsgründen keine demotivierenden Wertungen abgeben wird. "Super", "o.k.", "einwandfrei", "sehr gut", "hervorragend", - unter diesem Level braucht man nichts zu befürchten. Wenn etwas, auch für den Referendar ersichtlich, ausnahmsweise so ganz daneben war, wird es vom Referendar einfach als nicht-existent angesehen und rein zufällig übergangen. Dass es dabei, vor allem ab der 9. Jahrgangsstufe, zu einem geschlechtspezifisch bedingten und daher äußerst ungerechten Verhalten kommen kann, darf nicht verschwiegen werden. Oder ist es etwa gerecht, wenn eine junge, aparte Dame mit entsprechender Ausstrahlung und souveränem Auftreten in einer reinen Bubenklasse eigentlich tun und lehren kann, was sie will, weil es den Schülern vor allem darum geht, Kontakt mit ihr aufzunehmen, bei ihr etwas anzudocken, - selbstverständlich allein aus dem Grund, weil sie einen so ansprechenden Unterricht hält? Nicht ganz einfach für den Seminarlehrer, wenn jegliche Hinweise auf didaktische Schwächen und inhaltliche Fehler gegen den doch so erfolgreichen Unterricht nicht zu greifen vermögen. Allerdings ist der Frust groß, wenn dieser emotionale Vorschuss aufgebracht ist und bei den jungen Burschen nun doch wieder das Interesse an Fußball überhand nimmt. Jetzt wird`s auch für den Seminarlehrer wieder leichter.

Ziemlich enttäuschend, und zwar unerwartet enttäuschend, empfinden viele die Tatsache, dass ihnen ihr Germanistikstudium so wenig für diesen Beruf nützlich zu sein scheint und dieser Schein zunächst auch nicht trügt. Hatte man in den anderen Studienzweigen wenigstens fachliche Kompetenz erworben, die man nun mittels didaktischer Reduktion wieder in vereinfachter Form verkaufen kann, ist für das Fach Deutsch weithin nur eine Leerstelle angesagt. Wenn man Glück hatte, kann man allenfalls Grammatik und etwas Sprachwissenschaft für den Unterricht nutzen, in Aufsatzerziehung (sprich: in Aufsatzlehre, didaktisch-methodischer Vermittlung, Korrektur und Bewertung) aber ist man als Germanist gänzlich unberührt und unbeleckt von Kenntnissen, so als hätte das Studium ganz und gar nichts mit diesem Unterrichtsfach zu tun. Das muss alles erst ge- und erlernt werden in der Schule, - und das ist gut so. Man stelle sich vor, in der Uni würde Aufsatzerziehung Schwerpunktfach des Studiums sein, mit Schülern, die nur virtuell als "Schreiber" in Frage kommen, und Korrektoren und Bewertern, die Urteile vermitteln, ohne Unterricht und Schüler zu kennen. Eine Horrorvorstellung.

Ähnliches gilt für selbstverständliche andere Forderungen, die an den Deutschunterricht gestellt werden: Werteerziehung, Vermittlung von Sozialverhalten, Schreib- und Sprach-kompetenzen, Selbstwahrnehmung im Spiegel von Literatur und eigener produktiver Leistung. Bezüglich der methodischen Vermittlung wäre es allerdings durchaus wünschenswert, wenn einiges mehr an Vorwissen und Fertigkeiten vom Studium her mitgebracht werden würde. Kurzum, es ist ein hartes Brot, das man im Referendariat in Deutsch zum Essen vorgesetzt bekommt. Aber wie man früher schon wusste: hartes Brot kräftigt Zähne und Kiefer. So ähnlich ergeht es auch dem Junglehrer. Hat er sich einmal "durchgebissen", stellt er fest, dass der ihm am Anfang so widerspenstig begegnende Schüler seinen eigenen "unterrichtlichen Wert" mitbringt, indem er sich selber mit seinen Erfahrungen bei der Interpretation von Literatur einbringen kann. Und noch mehr: Die Auseinadersetzung mit Werthaltungen und Erfahrungen der Schüler zwingen auch den Lehrer zur Aufgabe einer distanzierten Wissensvermittlung, oder positiv gewendet: Er stellt fest, dass sein Unterricht nicht nur formale Fertigkeiten schult, sondern etwas mit dem Leben zu tun hat, und er erlebt, dass sein Unterricht auch im ethischen oder religiösen Sinne viel tiefer und intensiver in den Persönlichkeitsbereich eingreift, als er sich das je hätte vorstellen können.

Auf einmal entdeckt er auch, dass - gerade in der Oberstufe - doch nicht alles "für die Katz" war, was er auf der Uni eingetrichtert bekam, wenn er es nur richtig anzuwenden versteht. Und noch etwas stellt sich auf einmal ganz anders dar. Am Anfang , und leider auch noch später, sieht der Deutschlehrer mit neidischen Blicken auf andere Fächer bzw. freut sich eventuell über sein anderes Fach, das ihm ein Schulbuch an die Hand gibt, das er Seite für Seite abarbeiten kann. Die Frage, was er als Nächstes durchnimmt, wird ihm völlig abgenommen. Es sei unbestritten, dass auch Deutschlehrer mithin in dieser Weise ihr Sprachbuch abarbeiten. Sie müssten es aber nicht. Zu bearbeitende Thematiken und Texte wählen sie selber aus, nach ihrem Geschmack und ihrem unterrichtlichen Ethos, nach Aktualität und Dringlichkeit. Ein gesunder Ehrgeiz ist angeraten Das ist anstrengend wie das Kauen des harten Brotes, hält aber geistig wach und ist gesund für Seele und Leib.

Summa summarum: Das Leben eines Deutschlehrers wird immer anstrengend sein, bietet aber auch die ungewöhnliche Chance, sich selber als Person einzubringen und persönlich zu entfalten.

Dr. Franz Platzer