Willibald-Gluck-Gymnasium

Zeitzeugengespräch im WGG

„Der Holocaust ist für mich nicht Vergangenheit. Er ist immer in mir.“ Diese bewegenden Worte brachten am Dienstag in der Mensa der beiden Gymnasien auf den Punkt, warum Zeitzeugen-gespräche gerade zu einem solchen Thema wichtig sind. Über die Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen ist es nämlich noch am ehesten möglich, die ungeheuerliche Dimension des Geschehenen zumindest im Ansatz begreifbar zu machen. Deshalb geht Prof. Dr. Alexander Fried, einer der letzten lebenden Zeitzeugen der Shoah und inzwischen 92 Jahre alt, in Schulen. Ganz bewusst will er mit jungen Leuten reden. Und trotz seines fortgeschrittenen Alters, und trotz der ständigen Konfrontation mit seinen schrecklichen Erinnerungen bei solchen Gesprächen will er erzählen, wie er persönlich die Ausgrenzung, Entrechtung und den Völkermord an den europäischen Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland erlebt und empfunden hat.
Um die leider immer seltener werdende Chance zu nutzen, einen unmittelbar Betroffenen zu Wort kommen zu lassen, war es in Kooperation mit der Initiative Stolpersteine Neumarkt gelungen, den Zeitzeugen für einen Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern aus den 10. und 11. Jahrgangsstufen an das Willibald-Gluck-Gymnasium zu holen. Damit bewies man ein weiteres Mal, dass man den Selbstauftrag Ernst nimmt, der aus dem Teil des Schulprofils „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (SOR-SMC) erwächst. Herr Dr. Fried wurde begleitet und unterstützt von seiner Ehefrau Dr. Dorothea Woiczechowski-Fried, die den Vortrag durch Interviewfragen strukturierte.
Der im Jahr 1925 in der Tschechoslowakei geborene Professor Fried schilderte in sehr persönlichen Worten seine glückliche Kindheit und gab den Schülern dabei auch einige Einblicke in das jüdische Leben und jüdische Gebräuche. Die frohen Jahre wurden allerdings jäh unterbrochen, als er und seine Familie sich nach der Besetzung seiner Heimat im Jahr 1939 zunehmender Ausgrenzung und Diffamierung ausgesetzt sahen, auch weil sich in Teilen der Bevölkerung eine Stimmung breitgemacht habe, die willkürliche Aggression gegen Juden scheinbar rechtfertigte. Doch das eigentliche Martyrium begann für ihn 1942, das ihn bis Kriegsende in verschiedene Konzentrationslager führen sollte: „Ich sah das Tor ‚Arbeit macht frei‘. Eine Lüge!“
Besonders ergreifend wurde der Vortrag, als Dr. Fried sichtlich bewegt und den Tränen nahe von der Deportation seiner Mutter erzählte, die später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Sein Vater starb im KZ Buchenwald.
Nur für einen kleinen Moment sei er einmal kurz davor gewesen aufzugeben, als er unmittelbar vor Kriegsende auf dem Todesmarsch vom Lager Crivitz an die Ostsee wegen Mangelernährung und Erschöpfung nicht mehr stehen konnte, aber sonst sei es ihm gelungen, „die Hoffnung zu behalten“.
Nach der Befreiung studierte Dr. Fried Geschichte und hat an verschiedenen Universitäten in Europa, den USA und Israel gelehrt.
Wohl gerade als Historiker war es ihm ein besonderes Anliegen, vor der jungen Zuhörerschaft zu betonen, dass es ihm nicht darum gehe, jemandem Schuldgefühle aufzuladen, sondern darum, die Erinnerung wach zu halten. In diesem Sinne schloss er seinen Vortrag mit eindringlichen Worten an die junge Zuhörerschaft: „So etwas darf sich nicht wiederholen.“
Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich davon tief beeindruckt, denn am Ende war es weit über 20 von ihnen offenkundig ein großes Anliegen, sich persönlich bei den Eheleuten zu bedanken und ihre eigenen Empfindungen mitzuteilen.