Willibald-Gluck-Gymnasium

Die Identität des "Ritter Gluck":



Eine Hinführung zu E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Erzählung

Ein Denkmal literarischer Art wurde Christoph Willibald Gluck in einer Novelle des romantischen Schriftstellers und Musikkritikers E.T.A Hoffmann gesetzt: Sie trägt den Titel "Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809" und erschien in eben diesem Jahr 1809.

Bereits die Zeitstruktur gibt Rätsel auf: Die Handlung spielt nämlich ebenfalls im Jahre 1809 oder im Jahr zuvor. Der "echte" Ritter Gluck, "unser" Willibald Gluck mit dem Adelsprädikat eines Ritters, war aber 1787 gestorben.

So bestimmt die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" und ihrer Kunst die Erzählung - und natürlich die Frage nach der Identität der Hauptfigur, eines Komponisten, der wiederholt mit Gluck in Verbindung gebracht wird.

Sicher ist nur, dass der Sonderling und Wiedergänger Glucks einen wandelnden Anachronismus verkörpert: Als der Erzähler dem skurrilen Fremden das erste Mal in einem Berliner Ausflugslokal begegnet, hebt er sich in vielerlei Weise von der spießbürgerlich gezeichneten Masse ab. Er konsumiert nicht unwesentliche Mengen Wein und Tabak, trägt Kleidung, wie sie zu Zeiten Glucks a la mode war, nicht aber im braven, französisch besetzten Berlin der Jahre um 1809, als Ruhe erste Bürgerpflicht war. Ein "vermaledeites Orchester" unterhält währenddessen die Gäste, zunächst mit einem "kakophonischen Getöse". Es folgt eine brave, mäßige Darbietung der Ouverture von Glucks "Iphigenie". Hierbei verfällt der Sonderling in einen beinahe ekstatischen Zustand, gerät körperlich wie physisch außer sich und geht vollends in der Musik auf.

Offenbar besitzt die Glucksche Musik eine besondere Wirkung. Sie entrückt ihn in enthusiastische Emotionen und Visionen, in denen er die Glucksche Musik weiterfantasiert, sie in einer "höheren Potenz" entfaltet. In der Folge erwähnt er sein "Euphon", ein inneres Organ, das ihn sowohl äußerst sensibel als auch pathologisch anfällig für musikalische Klänge macht: Er spürt und lebt das innere Wesen der Musik, leidet aber auch unter der Gewalt seiner Musikempfindungen und Inspirationen. Der Wiedergänger Glucks in der Erzählung ist eine romantische Figur, deren Genie den Wahnsinn bedingt, die unter dem Riss zwischen Rezeptions- bzw. Aufführungsrealität und künstlerischer Utopie leidet, deren "Nervenfibern" entweder harmonisch klingen oder dissonant zerrüttet sind.

Analog zur seelischen Befindlichkeit kleidet der Dichter die musikalischen Visionen oder Halluzinationen in bildlich ausdrucksstarke Farben und Symbole. Neben dieser Musik-Poesie des Dichters Hoffmann wird auch die Stimme des Musikkritikers Hoffmann in fachlicher Terminologie vernehmbar, wodurch Vernunft und Emotion sprachlich synthetisiert werden. Eine expressive Körpersprache kennzeichnet die seelischen Leiden und Leidenschaften, die mit der Musik einhergehen.

Daneben thematisieren die leidenschaftlichen Dialoge wiederholt die flache Musikmode und Aufführungspraxis der Zeit. Glucks Opern etwa werden nur noch in effektheischenden Partien und Mixturen aufgeführt. Angespielte "Best-of"-Mixes nach Massengeschmack, könnte man sagen. Die Erzählung vom Ritter Gluck ist auch in dieser Hinsicht durchaus modern und modernekritisch zugleich.

So verwundert es nicht, dass der Erzähler auf dem Weg zu einer Opernaufführung von Glucks "Armida" dem musikalischen Enthusiasten "zufällig" wiederbegegnet und dieser seinen Weg zu einer privaten Vorstellung in seiner antiquierten Stube umlenkt:
Nicht nur die offene Frage nach der Identität macht jenes Schlussensemble reizvoll. Zimmer und Kleidung gemahnen an einen räumlich wie zeitlichen "Andersort", an eine Utopie aus der Vergangenheit. Glucks Werke stehen als prachtvolle Buchbände im Regal, enthalten aber lediglich Notenlinien. Die Noten fehlen. Es obliegt dem Künstler und Interpreten, das Wesen der Musik nachzugestalten, ein Wesen, das nicht in bloßen Zeichen bestehen kann, sondern nur verbunden mit geistiger Fortentwicklung. In einer prozesshaften Wechselbewegung spielt der Künstler Glucks Werke und bewahrt deren musikalischen Wiedererkennungswert, verleiht ihnen improvisierend aber zugleich ihre wesenhafte, tiefere Identität. Der sonderbare Fremde interpretiert kongenial die Glucksche Oper: für lediglich einen einzigen Zuhörer, der sich in Einklang befindet. Dieser blättert die leeren Seiten einvernehmlich an genau der richtigen Stelle um. Erst in einer exklusiven All-Harmonie zwischen dem historischen Werk Glucks, dem kongenialen Interpreten und dem einvernehmlichen Zuhörer aktualisiert sich ganz am Ende eine wahre, selbstbewusste Identität im Geiste Glucks, die nun im Schlusssatz selbstbewusst offenbart werden kann: "Ich bin der Ritter Gluck" .

Stephan Kampe